Manufaktur 964 - Der Auto-Veredler

Der Auto Architekt

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Das komplette Buch gibt es bei "Edition Panorama"

Ein Wohngebiet auf der Rheinau. Bürgerliche Einfamilienhäuser, gepflegte Vorgärten, verkehrsberuhigte Straßen. Nicht unbedingt die typische Lage für eine Autowerkstatt. Doch es ist auch keine typische Werkstatt, die Hans-Michael Gerischer hier in seiner Doppelgarage eingerichtet hat. Auf die Hebebühne kommen ausschließlich Wagen des Modells 964 der Marke Porsche, denen der Autonarr neuen Glanz verleiht. Den Begriff Tunen lehnt er für seine Manufaktur 964 ab, denn: Tunen impliziert immer so ein höher, schneller, weiter. Das mache ich gerade nicht. Veredeln finde ich passender.

Warum? Leben und Arbeiten sollte eins werden!

Dass er sich gerade auf Restaurierungen des Porsche 964 spezialisiert hat, der 1988 auf den Markt kam und dem Zuffenhausener Autobauer aus einer schweren Krise half, liegt an seinem persönlichen Faible für dieses Modell. Es ist die perfekte Verbindung der klassischen Optik eines 911 mit hohem Komfort und ausgereifter Technik, schwärmt Gerischer. Was Verarbeitung und Haltbarkeit angeht, setzt Porsche Maßstäbe. Diese Autos haben keinen Wertverlust.

Der gebürtige Bochumer hat fast sein ganzes berufliches Leben in der Autobranche verbracht und erinnert sich: Für meine Eltern waren Autos nur ein Fortbewegungsmittel, aber mich haben sie schon als kleines Kind fasziniert. Es gab kaum eine Marke, die ich nicht kannte. Nach einer Lehre zum Feinmechaniker studierte er Maschinenbau mit Schwerpunkt Fahrzeugbau und stieg ins Vertriebsgeschäft ein. Vor allem Luxuswagen der Marken Jaguar, Maserati und Aston Martin brachte er in verschiedenen Regionen Deutschlands an den Mann. Schon damals begeisterte er sich für Manufakturprozesse, denn: Der Aston Martin ıst eın klassisches Manufakturauto.

Nach Mannheim kam er 2005 durch einen Job bei einem Autohaus. Der Spaß an der Arbeit verging ihm dort schnell. Dennoch ist er hier sesshaft geworden, denn er verliebte sich nicht nur in eine Mannheimerin, die heute seine Ehefrau ist, sondern auch in die Stadt, in der einst Carl Benz das Auto erfand. ln Mannheim wird das Brot geschnitten. Hier wird gearbeitet und hier werden Werte geschaffen, begründet er.

Werte schaffen – dieser Gedanke führte schließlich auch zur Gründung der Manufaktur 964. Mein 40. Geburtstag war eine Zäsur für mich. Ich wollte etwas ganz Neues machen. Leben und Arbeiten sollten eins werden, bekennt der Peter-Gabriel-Fan. Den Musiker nahm er sich zum Vorbild: Er hat Genesis auf dem Höhepunkt des Erfolgs verlassen. Er ist, fınde ich, in seiner Kompromisslosigkeit eine faszinierende Persönlichkeit. Ein zweites, florierendes Unternehmen gab ihm die beruhigende finanzielle Unabhängigkeit, das Wagnis einzugehen. Die 964er-Gemeinde ist überschaubar, aber ich war mir sicher, dass es einen Markt für meine ldee gibt, sagt er.

Das Schrauben an Autos hatte ihm schon immer genauso viel Spaß gemacht wie das Fahren. Ein Aufbruch in eine neue Dimension war jedoch seine erste Teilnahme an einem Rennstreckentraining Mitte der 90er Jahre und die bis heute anhaltende Leidenschaft für das Rennstreckenfahren im Rahmen von Track-Days auf dem Hockenheimring, dem Nürburgring oder der Formel-1-Strecke in Spa. Auf diesen Kursen ist Hans-Michael Gerischer seit fast zehn Jahren Instruktor des Porsche-Pistenclubs und er hat erkannt: Von der Qualität der Arbeit hängt das eigene Leben ab. Alle Komponenten des Autos werden bis zum Äußersten belastet. Da können Nachlässigkeiten verheerende Folgen haben.

Hier wird gearbeitet und hier werden Werte geschaffen

Der kompromisslose Qualitätsanspruch, absolute Treue zum Original und Transparenz gegenüber den Kunden wurden zu Leitmotiven des neuen Unternehmens. Verbaut werden weitestgehend Originalteile, zum Beispiel die charakteristischen gelb chromatierten Schrauben oder auch originale Kombischrauben zur Befestigung der Radhausverkleidungen, auch wenn das Stück 3,57 Euro kostet. Man kann das alles sicherlich billiger haben, aber das entspräche nicht meinem Anspruch, sagt Gerischer. Seine Kunden gehen diesen Weg konsequent mit. Das sind Freaks genau wie ich, erklärt er lachend, meist Männer zwischen Mitte 40 und Mitte 50; Die Karriere ist in der Spur, die Kinder sind aus dem Gröbsten raus und jetzt ist der Vater dran, sich seinen Jugendtraum zu erfüllen. Der Porsche 964 ist für die Allerwenigsten das Alltagsauto.

Den Manufakturprozess beginnt Gerischer mit einer ausführlichen Begutachtung des Boliden und der Beratung. Die Grundreinigung erfolgt mittels Trockeneis-Strahlung bei minus 78 Grad Celsius. Dieses Verfahren greift weder Lack noch Karosserie an, erläutert er. Außerdem werden sämtliche Verkleidungen und Betriebsflüssigkeiten entfernt und Motor, Getriebe und Bremskomponenten überholt. Bei Neulackierungen und Polsterungen greift er auf ein Netzwerk aus Experten zurück, unter anderem die Sattlerei AEV aus Mannheim und seinen auf Rennwagen spezialisierten Mainzer Partner Jochen Dronia. Ich bin der Architekt des Autos, umschreibt Gerischer seine Arbeit, mit der er sich seinen Lebenstraum erfüllt hat.

Sein Ziel: irgendwann das perfekte Auto bauen. Das habe ich erreicht, wenn ich irgendwann vor dem fertigen Werk stehe und sicher bin, dass ich nichts mehr hätte besser machen können, erklärt er. Doch zunächst steht ein Umzug an. Die Doppelgarage ist zu klein geworden. Hans-Michael Gerischer will Mitarbeiter einstellen. Denn eins ist sicher: Der Mythos Porsche 964 lebt. Und er will gepflegt werden.

Geschrieben am 27.11.2015

Tags: manufaktur 964 , interview